Sichere Evakuierung und Räumung von Veranstaltungsstätten aus psychologischer Sicht

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Sichere Evakuierung und Räumung von Veranstaltungsstätten aus psychologischer Sicht

 

Autoren: M.Sc. Jana Domrose & Olaf Jastrob, Technische Unternehmensberatung Jastrob Ltd. & Co. KG

 

 

1 Einleitung

Verschiedene Bereiche der Sicherheitsbranche gewähren uns mittlerweile Einblicke in Theorien und praktische Erfahrungen hinsichtlich der sicheren Evakuierung oder Räumung von Veranstaltungsstätten. Wissenschaftliche Studien aus der Sozial- und Risikopsychologie  – die unter anderem das Denken und Handeln von Personen in Notfallsituation erforschen – finden jedoch erst in den letzten Jahren konkrete Beachtung bei der Entwicklung und Verbesserung organisatorischer, baulicher und technischer Sicherheitsmaßnahmen. Dieser Fachartikel soll Verantwortlichen aus der Veranstaltungsbranche sowie Interessierten eine kurze Einführung in aktuelle sozialpsychologische Theorien und Erkenntnisse geben, die für die Erstellung und Anwendung von Evakuierungs- und Räumungskonzepten und damit für die Sicherheit von Besuchern und Mitarbeitern bei Veranstaltungen relevant sind.

 

2 Menschliches Verhalten im Notfall

Bei der Erstellung von Evakuierungs- und Räumungskonzepten gilt es zunächst zu hinterfragen, wie Menschen im Notfall fühlen, denken und handeln. Da menschliche Emotionen und Verhaltensweisen jedoch zumeist von Faktoren wie Kultur, Ausbildungsniveau, Risikowahrnehmung und Erfahrung abhängig sind[i], sollte bei der Erstellung von Räumungs- und Evakuierungskonzepten immer auch eine Analyse der  zu evakuierenden Personengruppen (Besucher, Mitarbeiter, Personal, Patienten, etc.) erfolgen. Hierbei sollte zwischen physischen und psychischen Merkmalen der definierten Gruppen unterschieden werden.

Zu den relevanten physisch Merkmalen von Personengruppen zählen vor allem deren Alter, Gesundheitszustand, Gepäck und Bekleidung[1] da diese einen direkten Einfluss auf die Entfluchtungsgeschwindigkeit haben können. In Bezug auf psychische Faktoren sollten neben den vorherrschenden Stimmungen und Emotionen bei einer Veranstaltung[2]  auch die Gruppenstrukturen analysiert werden, das heißt, ob  sich die betroffenen Personen in dem Veranstaltungsstätte erwartungsgemäß einzeln oder in festen Kleingruppen aufhalten. Da insbesondere Familien und Freundesgruppen die Neigung besitzen, einander im Notfall erst aufzusuchen und dann gemeinsam zu flüchten[ii], kann die Evakuierung und Räumung von z.B. Open-Air-Festivals oder Konzerthallen deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als die von Tagungen und Kongressen. Soziale Bande und Beziehungen bleiben also auch im Ernstfall bestehen und können sich sogar verstärken.

Dieses psychologische Phänomen kann dadurch erklärt werden, dass die Nähe zu bekannten Personen wie Freunden und Familienmitgliedern, aber auch zu netten Arbeitskollegen im Notfall ein Gefühl von Sicherheit erzeugt. Auch die Nutzung  bekannter Ausgänge und Wege (Achtung: diese sind oftmals nicht die offiziellen Fluchtwege!) vereinfacht die Beherrschung unsicherer Situationen, erzeugt ein Gefühl von Kontrolle und wird daher vom Menschen in Notfallsituationen bevorzugt.

Den egoistischen Menschen, der in Gefahrensituationen auf dem schnellsten Wege nur sein eigenes Leben retten will, gibt es hingegen nur im Ausnahmefall. Sogar in Umgebungen, in denen sich Menschen vor allem anonym und unabhängig voneinander aufhalten oder in denen Konkurrenzverhalten vorherrscht, können im Notfall gegenseitige Solidarität, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft erzielt werden. Hierzu muss lediglich eine relevante physische (z.B. Alter, Geschlecht, äußerliche Merkmale) oder psychische Gemeinsamkeit (z.B. Interessen, Hobbys, Kultur, Religion) der zu evakuierenden Personen identifiziert und betont werden.

Grundlage für diesen Gedanken ist die sozialpsychologische „Belongingness Hypothese“. Diese besagt, dass der Mensch das natürliche Bedürfnis hat, sich gleich gesinnten Menschengruppen mit übereinstimmenden (Verhaltens-)Merkmalen, Interessen  und Zielen anzuschließen[iii]. Die Gruppenzugehörigkeit fördert hierbei das psychische Wohlbefinden des Menschen und gibt ihm ein Gefühl von Verbundenheit, Sicherheit, Intimität, sozialer Unterstützung und Einfluss.

Ein entscheidendes Merkmal der Gruppenzugehörigkeit ist das sogenannte „Wir-Gefühl“, welches sich, basierend auf gemeinsamen Aufgaben, Zielen und Normen, entwickelt und verstärkt. Dieses Gefühl äußert sich in Sympathie und Altruismus[3] gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe, sowie in einem distanzierten, ablehnenden oder sogar feindlichen Verhalten gegenüber Mitgliedern andersdenkender, rivalisierender Gruppen. In Umgebungen, in denen normalerweise ein Konkurrenzgefühl zwischen zwei verschiedenen Gruppen vorherrscht, kann jedoch die Betonung gemeinsamer Merkmale und Ziele beider Gruppen die gegenseitige Achtung fördern. Relevant ist diese Erkenntnis zum Beispiel für die Räumung eines Fußballstadions während eines Wettkampfs. Hier ist es zur Gewährleistung der Sicherheit aller Beteiligten unerlässlich, dass die Sportler und Zuschauer Rücksicht aufeinander nehmen und ihr kompetitives Verhalten einstellen. Dieses gewünschte soziale Verhalten kann erzielt werden, indem man bei der Durchsage unterschwellig die „sportliche“ Gemeinsamkeit der Gruppen betont. Ein Beispiel für einen Einleitungssatz könnte demnach wie folgt aussehen: „Liebe Freunde des Fußballs, dies ist eine Notfalldurchsage!“.

Mit der Betonung gemeinsamer Eigenschaften oder Ziele der betroffenen Personen wird jedoch noch keine  sichere Räumung oder Evakuierung von Veranstaltungsstätten gewährleistet. Bei der Erstelllung von Räumungs- und Evakuierungsdurchsagen sollte daher auf sowohl inhaltlichem als auch auf formellem Niveau noch weiteres Wissen aus der Psychologie berücksichtigt werden.

 

3 Effektive Notfallkommunikation

Katastrophen entstehen zumeist aufgrund schlechter Kommunikationsabläufe vor, während oder nach einem Notfall, da diese den Räumungs- oder Evakuierungsprozess hinauszögern oder sogar verhindern. Die Übermittlung der richtigen Informationen kann die Evakuierungszeit hingegen um bis zu 2/3 verkürzen, da die  Einschätzung der Notfallsituation – und nicht etwa die Entfluchtung selbst – den Großteil der  gesamten Evakuierungszeit in Anspruch nimmt[iv]. Das Phänomen des „Commitments“[4] zum Beispiel, ebenso wie das Bedürfnis, Freunde und Familienmitglieder aufzusuchen (vgl. Kapitel 2), führen während der Evakuierung größerer Menschenmengen oftmals zu nicht unerheblichen Verzögerungen und können damit eine ernste Gefahr für die Sicherheit der Besucher darstellen. Um diese zeitlichen Hindernisse zu minimieren, sollten während der Erstellung von Evakuierungs- und Räumungskonzepten immer auch präzise Kommunikationspläne erstellt werden, mit denen die richtigen Informationen zeitnah und effektiv übermittelt werden können. Sowohl über inhaltliche als auch  über formelle Aspekte einer effektiven Notfallbotschaft gibt es mittlerweile verschiedene Erkenntnisse aus Studien der Risikopsychologie. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Studien werden in den nachfolgenden Kapiteln zusammengefasst.

 

3.1 Inhalt von Notfallbotschaften

Wissenschaftliche Studien der Risikopsychologie konnten belegen, dass eine Risikobotschaft immer auf zwei Informationen eingehen muss, wenn sie beim Menschen ein gewünschtes Verhalten erzielen soll[v].  Die erste Information bezieht sich auf die Art und Ernsthaftigkeit des Risikos, das heißt: Was ist passiert, warum liegt hier eine akute Gefahr vor und inwiefern bin ich von dieser Gefahr persönlich betroffen? Zu evakuierende Personen müssen demnach immer konkret über die folgenden Fragen aufgeklärt werden:

  1. Um welche Art von Notfall handelt es sich (z.B. Brand, Explosionsgefahr, Stromausfall)?
  2. Warum ist dieser Notfall ernst genug, um mich hiervon in Kenntnis zu setzen (z.B. Einsturzgefahr der Veranstaltungsstätte, gefährliche Rauchentwicklung)?
  3. Inwiefern ist dieser Notfall für mich persönlich relevant (in manchen Fällen braucht z.B. nur ein Teil der Veranstaltungsstätte geräumt zu werden)?

 

Im Idealfall ist der Empfänger einer Risikobotschaft  nach diesen ersten Informationen aufmerksam und alarmiert. Um unerwünschtes Verhalten – zum Beispiel den Ausbruch von Panik – zu vermeiden und ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zu erzeugen, muss dem Empfänger der Botschaft jetzt auch mitgeteilt werden, welche sicheren Handlungsmöglichkeiten sich für ihn ergeben, warum diese sicher und effektiv sind und wie genau diese Handlungen umzusetzen sind. Bei der Räumung oder Evakuierung von Veranstaltungsstätten müssen Besucher also direkt nach Bekanntgabe des Notfalls darüber informiert werden:

  1. dass sie alle bisherigen Handlungen (ggfs. konkretisieren) einstellen und den gefährdeten Bereich unmittelbar verlassen sollen,
  2. über welche Notausgänge dies geschehen muss,
  3. mit welchen Hilfsmitteln der nächstgelegene Notausgang gefunden werden kann,
  4. welche sicheren Orte sie gegebenenfalls aufsuchen sollen (z.B. Sammelplatz).

 

Da Unsicherheiten und ein Gefühl von fehlender Kontrolle über die Situation Stress und irrationales Verhalten[5] auslösen können, sollte eine Notfalldurchsage vor allem ehrliche und konkrete Informationen beinhalten.  In manchen Notfällen mit hohem Panikpotential (z.B. Bombendrohungen) kann es jedoch durchaus sinnvoll sein, eine glaubwürdige Notlüge für die Räumung einer Veranstaltungsstätte parat zu haben, wie zum Beispiel ein kleinerer Brand mit Rauchentwicklung.

 

3.2 Formgebung der Notfallkommunikation

Die Zeit ist grundsätzlich einer der wertvollsten Faktoren bei der Evakuierung oder Räumung einer Veranstaltungsstätte. Darum ist die Hauptzielsetzung eines Kommunikationskonzepts, alle betroffenen und verantwortlichen Personen im Notfall so schnell und effektiv wie möglich zu benachrichtigen und zu unterweisen. Für die interne Kommunikation unter Verantwortlichen sollten deshalb immer genaueste Benachrichtigungsreihenfolgen (Wer informiert wen?) und sichere Notfallkommunikationswege (Festnetz, Mobilfunk, Sprechfunk, Megaphon, etc.) schriftlich festgelegt werden, die im Notfall für jeden schnell einsehbar sind. Bei der Beschäftigung neuer oder externer Mitarbeiter lohnt es sich zum Beispiel, sogenannte Notfallkarten zu erstellen, auf denen der richtige Ansprechpartner und die richtige Telefonnummer für jede Notfallsituation angegeben sind. Auch die Zuständigkeit für die externe Kommunikation mit Rettungskräften und Besuchern gilt es bereits im Vorfeld zu planen.

 

Mit ungeschulten Veranstaltungsbesuchern sollte die Notfallkommunikation immer auf einer möglichst direkten Art stattfinden, das heißt von Angesicht zu Angesicht. Da Notfalldurchsagen bei den meisten Menschen Unsicherheit und Stress auslösen, kann der direkte Kontakt zu einer menschlichen Informationsquelle – und damit die Wahrnehmung von Mimik und Gestik – die Einschätzung der Situation erleichtern. Der Sprecher  sollte deshalb immer sowohl Autorität als auch Ruhe verkörpern und mit großer Sorgfalt ausgewählt werden. Wenn die Art der Veranstaltungsstätte eine direkte Face-to-Face Kommunikation nicht zulässt, sollte die Ruhe und Autorität über die Stimme vermittelt werden. Ein entsprechendes Stress- und Sprechtraining für den Verantwortlichen kann in beiden Fällen unterstützend wirken.

 

Da die Wahrnehmungs- und Aufnahmefähigkeit von Menschen in Stresssituationen in der Regel eingeschränkt ist, sollten Notfalldurchsagen zudem mehrmals wiederholt und mit Signaltönen oder -wörtern (z.B. „Achtung! Wichtige Durchsage!“) angekündigt werden. Diese Signale sollten dann ausschließlich für die Notfallkommunikation reserviert bleiben und nicht für normale Kommunikationszwecke verwendet werden. Auch sollte aufgrund der begrenzten Aufnahmefähigkeit jegliche  akustische oder visuelle Ablenkung vermieden werden. Musik, Filme, Lichtshows oder Ähnliches müssen während der Notfallkommunikation also immer abgeschaltet werden.

 

4 Effektive Umgebungsgestaltung

Neben einer effektiven Notfallkommunikation kann auch die Umgebungsgestaltung zu einer sicheren und schnellen Entfluchtung beitragen. Hierzu zählen zum einen bekannte bauliche Maßnahmen wie die Größe, Anzahl und Beschilderung der Notausgänge oder die Errichtung abgerundeter Säulen vor den jeweiligen Ausgängen. Zusätzlich gibt es aber auch dezentere Hilfestellungen in der Umgebung, die von Menschen im Notfall eher unbewusst wahrgenommen und genutzt werden. Farbgebung und Lichtverhältnisse innerhalb einer Veranstaltungsstätte zum Beispiel können die Emotionen von Flüchtenden und damit deren Fluchtgeschwindigkeit erhöhen oder verlangsamen. Während warme Farben eine mäßigende Wirkung haben und Geborgenheit vermitteln, wirken kühle Töne eher übersichtlich[vi]. Fluchtwege sollten daher immer mit kühlen Lichtern ausgeleuchtet und auch ansonsten in kühlen Farben (z.B. helles Grün) gestaltet werden. Dadurch kann einerseits die Flucht- und Bewegungsgeschwindigkeit und andererseits das Gefühl von Kontrolle und Übersicht über die Situation erhöht werden. Letzteres ist, wie bereits in Kapitel 2.1 erläutert, für Menschen in Gefahrensituationen unabdingbar. Sollten Besucher hingegen dazu angehalten werden, ruhig auf ihren Plätzen zu verweilen (z.B. bei einer technischen Störung oder in Wartebereichen) empfiehlt es sich, vor allem warme Lichter und Farben einzusetzen. So verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass Besucher ungeduldig, frustriert oder ängstlich auf die Situation reagieren. Auf grelle Töne sollte bei der Farb- und Lichtwahl jedoch generell verzichtet werden, da hierdurch unerwünschte Angst- und Unbehaglichkeitsgefühle ausgelöst werden können.

Auch die Farbgestaltung von Ausschilderungen kann das Verhalten von Menschen im Notfall positiv beeinflussen. Werden Farben als Codes für bestimmte Informationen verwendet, kann der Menschenstrom bei Räumungen und Evakuierungen effizienter und effektiver gelenkt werden (Konzept der „Mental Convenience“[6]). Aus diesem Grunde werden Notausgänge im Regelfall einheitlich mit Hilfe von grünen Fahnen oder Schildern ausgewiesen, sei es in Gebäuden oder in Veranstaltungsstätten im Freien. Toilettenschilder oder Wegweiser zu gastronomischen Bereichen sollten hingegen nicht grün eingefärbt werden, da diese Farbe bei den meisten Menschen bereits als Code für den Fluchtweg abgespeichert wurde und im Notfall zu Verirrungen und sogar zu panischem Verhalten führen kann.

 

5 Verhindern von (Massen-)Paniken

Der Begriff der (Massen-)Panik ist aus der Presse nicht mehr wegzudenken, wird jedoch oft zu Unrecht zur Erklärung von Notfällen und Katastrophen verwendet. Auch wenn es durchaus Situationen gibt, in denen einzelne Menschen in Fluchtsituationen panisch reagieren, sind regelrechte Massenpaniken ein eher seltenes Phänomen. Um diese Aussage zu verstehen, gilt es den Panikbegriff erst einmal zu definieren.

Panik wird in der wissenschaftlichen Literatur zumeist als kopfloses, egoistisches Verhalten bezeichnet, bei dem primitive Motive (d.h. das eigene Überleben) an erster Stelle stehen und kooperative Verhaltensweisen (z.B. Hilfsbereitschaft) in den Hintergrund treten. Hinzu kommt die Einschränkung  verschiedener kognitiver Funktionen, wie des menschlichen Wahrnehmungsvermögens. Verengungen des Gesichtsfelds, Tunnelblick, Einschränkung der Hörfähigkeit und Reduktion der Schmerzempfindlichkeit sind nur einige der Faktoren, die bei Paniken dazu beitragen, dass Menschen externe Informationen (z.B. Durchsagen) nur schwer verarbeiten können und sich kaum lenken lassen[vii].

 

Auch wenn eine (Massen-)Panik eher selten eintritt, sind deren körperlichen und psychischen Folgen für die Beteiligten nicht zu unterschätzen. Daher ist es sinnvoll, im Rahmen eines Notfall- bzw. Evakuierungskonzepts sowohl bauliche als auch organisatorische Präventionsmaßnahmen zu treffen, die die Ausbruchwahrscheinlichkeit einer Panik reduzieren.

 

5.1 Präventionsmaßnahmen

Aus Studien und Beobachtungen geht hervor, dass der Ausbruch einer Panik am ehesten in sogenannten Flaschenhalssituationen auftritt. Das Hauptmerkmal einer solchen Situation ist eine begrenzte Anzahl von Fluchtwegen und Notausgängen, die von einer großen Menschenmenge zur gleichen Zeit genutzt werden müssen. Diese Situation zeigt sich am häufigsten in geschlossenen Veranstaltungsstätten oder baulichen Anlagen wie Theatern, Konzerthallen, Diskotheken, Stadien aber auch Bürokomplexen oder Schulen. Auch auf abgezäunten Freigeländen können  im Notfall Flaschenhalssituationen entstehen, wenn sich die Abzäunungen zu Beginn der Räumung oder Evakuierung nicht ohne Weiteres entfernen lassen.

 

Um in Notfällen Verstopfungen an Ausgängen vorzubeugen, gilt es solche Flaschenhälse schon bei dem Bau einer Veranstaltungsstätte zu vermeiden. Zu den bekannten Maßnahmen zählt, die Fluchtwege mit abnehmender Distanz zum Ausgang zu verbreitern und  räumlich voneinander zu trennen. Zudem muss  gemäß Bauvorschriften (z.B. VStättVO) entsprechend der zu erwartenden Menschenmenge immer eine ausreichende Anzahl von Notausgängen eingeplant werden.

 

Das Problem hierbei ist lediglich, dass die alleinige Anwesenheit der Notausgänge und Rettungswege noch nicht gewährleistet, dass diese im Notfall auch gleichermaßen genutzt werden. Im Notfall bevorzugen Menschen zum Zwecke der Unsicherheitsreduzierung (vgl. Kapitel 2) die Nutzung bekannter Wege, wie die tägliche Route zum eigenen Büro oder den soeben betretenen Haupteingang der Konzerthalle. Diese Wege werden oftmals auch dann zur Flucht genutzt, wenn ein anderer Notausgang viel näher am momentanen Aufenthaltsort gelegen oder der gewohnte Weg bereits mit Rauch gefüllt ist[viii].

 

Um diesem gefährlichen Verhalten vorzubeugen ist eine alleinige Beschilderung der Fluchtwege und Notausgänge oftmals nicht ausreichend. Gerade an Orten, an denen sich Menschen regelmäßig aufhalten, werden diese Wege und Türen trotz Kennzeichnung nicht mehr bewusst wahrgenommen oder wurden bereits unterbewusst als „verboten“ abgespeichert[ix]. Notausgänge, die sich im Ernstfall automatisch öffnen und dadurch weniger schnell übersehen werden, sowie visuelle und akustische Fluchtwegführungen  können sich im Ernstfall daher zu einer wirksame Hilfe bei der Entfluchtung von Menschen entwickeln.

 

Grundsätzlich müssen Mitarbeiter zudem mittels Evakuierungsübungen und Unterweisungen mit den Rettungswegen und Notausgängen der Veranstaltungsstätte vertraut gemacht werden. Dazu  gehören  auch das Verhalten bei einer Panik und das Verhalten bei einem Brand. Auch kann es sich lohnen, den Besuchern und Gästen zu Beginn einer Veranstaltung – ähnlich wie im Flugzeug – eine kurze Sicherheitsunterweisung zu geben. Weitere organisatorische Präventionsmaßnahmen beziehen sich auf den Einsatz von ausgebildeten Evakuierungshelfern, Ordnern oder anderen unterwiesenen Mitarbeitern, die den Besuchern im Ernstfall den Weg zu den nächstgelegenen Notausgängen weisen können.

 

Desweiteren zählt auch die Gewährleistung einer effektiven internen und externen Kommunikation zu einer der wichtigsten organisatorischen Panikpräventionsmaßnahmen (vgl. Kapitel 3.2).

 

5.2  Interventionsmaßnahmen

Bei panischem Verhalten einzelner Personen gilt es, diese schnellstmöglich aus der Menschenmenge zu entfernen, sodass sich das panische Verhalten nicht auf Umstehende ausbreitet. Personen mit panischen Verhaltensmerkmalen (Freezing[7] oder Agitiertheit[8]) sollten kräftig angefasst, zum Blickkontakt aufgefordert und  deutlich, direkt und laut angesprochen werden. Die Person sollte hierbei die konkrete Handlungsanweisung bekommen, dem Helfer aus der Menschenmenge zu folgen. Zudem kann es hilfreich sein, die Aufmerksamkeit des Panischen auf seine Atmung zu lenken und ihm  Mut zuzusprechen (z.B. „Du schaffst das, du hast schon ganz andere bedrohliche Situationen bewältigt!“).

 

Treten Situationen ein, die ein Fluchtverhalten oder eine Massenpanik auslösen können oder bereits ausgelöst haben, sollten die Verantwortlichen die betroffenen Personen mit klaren, zeitnahen und vor allem wahrheitsgemäßen Informationen sowie deutlichen Handlungsanweisungen versorgen. Informationen sollten hierbei immer mehrmals wiederholt werden, da die kognitive Wahrnehmung von Menschen in Stresssituationen oftmals eingeschränkt ist (vgl. Kapitel 3.1) und gegebenenfalls nicht alle Informationen sofort erfasst und verarbeitet werden können. Auch eine können zuständige Mitarbeiter versuchen, das „Wir-Gefühl“ der in Panik geratenen Personen zu stärken, in dem auf gemeinsame Merkmale und  Handlungsziele eingegangen wird, z.B.: „Wir befinden uns gerade alle in einer unangenehmen Situation. Wenn wir jedoch zusammenarbeiten und einander bestmöglich helfen, können wir diese Situation schnell lösen.“

 

Da menschliches Verhalten in Massenpaniksituationen jedoch im Allgemeinen nur schwer zu kalkulieren und zu beeinflussen ist, sollte der Fokus von Verantwortlichen immer darauf liegen, potentiell panikauslösende Faktoren zu vermeiden (vgl. Kapitel 5.1 und Anlage I) bzw. zu beobachten, sodass möglichst vor Panikausbruch entsprechend eingegriffen werden kann.

 

6 Fazit

Um im Notfall eine sichere Evakuierung oder Räumung von Veranstaltungsstätten gewährleisten zu können, wurden mittlerweile verschiedenste Sicherheitsmaßnahmen auf Grundlagen der Sozialpsychologie entwickelt und erfolgreich angewandt. Einige dieser Entwicklungen wurden im vorliegenden Fachartikel bereits angeschnitten und erläutert. Da sich das Feld und damit auch das Wissen der Psychologie jedoch stetig erweitert und uns stets neue Einblicke in menschliches Verhalten gewährt, sollten wissenschaftliche Studien auch in Zukunft für die Neuentwicklung und Verbesserung von Sicherheitsmaßnahmen  genutzt werden.

Auch sollte sich ein jeder Verantwortliche auf dem Gebiet der Veranstaltungssicherheit darüber bewusst sein, dass die alleinige Einhaltung von Vorschriften und Gesetzen zur Gewährleistung der Sicherheit nicht ausreichend sein kann. Bei der Erstellung von Räumungs- und Evakuierungskonzepten sowie von  anderen relevanten Konzepten und Plänen für eine Veranstaltung, sollte  immer auch der Faktor Mensch und dessen Denken, Fühlen und Handeln in der individuellen Umgebung betrachtet werden. Nur so kann letztendlich das oberste Schutzziel, nämlich die Unversehrtheit von Besuchern und Mitarbeitern, erreicht werden. Die Auswahl des verantwortlichen Personals bzw. Leitungsfunktionen ist dabei von besonderer Bedeutung.  Insbesondere sind dies: Projektleitung, Krisenstabs- oder Koordinierungsstableitung und Mitglieder, Veranstaltungsleitung, Ordnungsdienstleitung, Verantwortlicher für Veranstaltungstechnik, Brandschutzbeauftragter, Fachkraft für Arbeitssicherheit, Sicherheits- und Gesundheitskooordinator, etc. Neben der persönlichen Eignung ist auch die Befähigung ein wichtiger Aspekt. Für diese Funktionen gibt es einige etablierte Anbieter für Weiterbildungen in Deutschland: TÜV Nord, TÜV Saarland, AVB-Akademie, Umweltinstitut, Studieninstitut.

Weiterbildungsangebot im Zusammenhang mit Evakuierung und Panik sind zum Beispiel:

  1. ZUP, zertifizierte unterwiesen Person Veranstaltungsleitung
  2. Ordnungsdienstleitung
  3. Evakuierungshelfer in Veranstaltungsstätten, Panikprävention

 

Seminare

 

 

[1] Hier kann z.B. an High Heels, Abendkleider oder schwere Wintermäntel gedacht werden.

[2] Vergleiche z.B. ein Festival und ein Fußballspiel im Stadion.

[3] Selbstlose Denk- und Handlungsweise, Gegenteil von Egoismus.

[4] Das Bedürfnis des Menschen, eine angefangene Handlung zu Ende zu bringen (z.B. Anstehen am Getränkestand).

[6] Mental Convenience bezeichnet eine kognitive Entlastung durch Wiedererkennung, die eine vorteilhafte Auswirkung auf die Informationsaufnahme und -verarbeitung hat.

[7]Vergleichbar mit dem Totstellreflex bei Tieren.

[8]Wirre sprachliche Äußerungen, Weinkrämpfe, paradoxe Verhaltensweisen, etc.

 

Quellenverzeichnis

[i] Badke-Schaub, P., Hofinger, G. & Lauche, K. (Hrsg.) (2012). Human Factors: Psychologie sicheren Handelns in Risikobranchen, 2. Auflage. Heidelberg: Springer.

[ii] Sime, J.D. (1995). Crowd psychology and engineering. Safety Science 21, S. 1-14.

[iii] Van Oudenhoven, J.P.  & Giebels, E. (2010). Groepen aan het werk, 6. Auflage (S. 11-19). Noordhof Uitgevers.

[iv] Sime, J.D. (1994). Escape behaviour in fires and evacuations. In: P. Stollard and L. Johnston (Eds.). Design Against Fire: An Introduction to Fire Safety Engineering Design (S. 56-87). London Chapman Hall: London.

[v] Kievik, M., ter Huurne, E.F.J. & Gutteling, J.M. (2012). The action suited to the word:  Use of the framework of risk information seeking to understand risk-related behaviors. Journal of Risk Research, 15(2), S. 131 – 147.

[vi] Cox, T., Houdmont, J. & Griffiths, A. (2006). Rail passenger crowding, stress, health and safety in Britain, Transportation Research: Part A, 40, S. 244-258.

[vii] Lasogga, F. & Gasch, B. (Eds.). (2011). Notfallpsychologie: Lehrbuch für die Praxis (S. 435-442). Heidelberg: Springer.

[viii] Künzer, L., Zinke, R. & Hofinger, G. (2012). Mythen der Entfluchtung. Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes eV (Hrsg.). Tagungsband Jahresfachtagung, S. 725-735.

[viii] Pajonk, F.G. & Dombrowsky, W.R. (2006): Panik bei Großschadensereignissen. Notfall + Rettungsmedizin, 3, S. 280-286.

 

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